„Hochbegabt, vielbegabt, hochsensibel, ADHS, Autismus-Spektrum? - Der Schlüssel, der endlich die richtige Tür öffnete."
- Karin Pfisterer
- 23. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Juni
Mein Beitrag zur Blogparade 2026 von Dr. Hanna Steffen
Vorbemerkung: Dies ist mein allererster Beitrag zu einer Blogparade überhaupt.
Vielleicht fragst du dich: "Was ist das eigentlich genau?" Judith Peters schreibt dazu:
"Bei einer Blogparade ruft ein Blogger dazu auf, einen Blogartikel zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Alle, die sich angesprochen fühlen und die gerne etwas zu dem Thema sagen wollen, dürfen mitbloggen, ganz egal, ob sie Blog-Anfänger oder erfahrene Blogger sind. Blogparaden sind so alt, wie die Blogosphäre: Sie entstanden in der Zeit vor Social Media, als wir uns auf unseren Blogs gegenseitig oft kommentiert, zitiert und verlinkt haben. Mit Blogparaden verlagern wir die Diskussion von Facebook & Co. wieder ins „echte“ Internet und stärken damit die Blogosphäre und unsere eigenen Webseiten. Ganz egal, ob du selbst eine Blogparade starten oder daran teilnehmen willst: Mit (d)einer Blogparade erschaffst du Content, der auch in 10 Jahren noch relevant ist, gefunden werden kann und gelesen wird – welches Social-Media-Posting kann DAS schon von sich behaupten? Und: Blogparaden machen Spaß!"
Falls du eine eigene Blogparade starten möchtest, schau einfach hier, wie es geht.
So, aber nun zu meinem Text: Ich merke schon, dass das ein sehr persönlicher Blogbeitrag werden wird. Er kostet mich auch etwas Mut. Mut, mich hier zum Thema Hochbegabung zu äußern, das bei vielen vorbelastet ist. Auch Unverständnis erzeugen kann. Warum macht die das jetzt? Fühlt sie sich als etwas Beonderes?
Den Newsletter von Hanna Steffen erhalte ich schon eine Weile und lese ihn recht gerne. Das Thema ihrer Blogparade „Hochbegabt, vielbegabt, hochsensibel, ADHS, Autismus-Spektrum? - Der Schlüssel, der endlich die richtige Tür öffnete." hat mich angesprochen. Bei mir war es nicht nur ein Schlüssel, es waren mehrere, bzw. ein ganzer Prozess, der 2024 angestoßen wurde. Obwohl, vielleicht finde ich den einen Schlüssel noch? Ich bin gespannt.
Die Themen Hochbegabung und Vielbegabung begleiten mich indirekt schon viele Jahre. Trotzdem gehöre ich zu den "Späterkannten" - den Spätis 😉 Während der Schulzeit hatte ich immer wieder den Verdacht, dass es sein könnte. Ich habe es dann aber wieder auf die Seite gelegt, Informationen dazu gab es damals kaum. Förderung? Wenig. Als Kind einer Arbeiterfamilie mit Fluchterfahrung mütterlicherseits und wenig Möglichkeiten meiner Eltern zu einer eigenen vernünftigen Schulbildung zu gelangen, hatten diese andere Sorgen. Sie hatten damit zu tun, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich meist eine schöne Kindheit hatte.
In der Grundschule war ich Klassenbeste, musste nichts lernen. Nachmittags spielte ich mit meinen Teddys und Puppen Schule und erklärte ihnen alles, was ich morgens gelernt hatte. Die 2. Klasse hätte ich überspringen können, wollte es aber selbst nicht, da ich Angst hatte, in eine neue Klassengemeinschaft zu kommen. In meiner eigenen fühlte ich mich recht wohl und hatte auch Freundinnen, mit denen ich regelmäßig spielte. Außerdem hätte ich meine geliebte Klassenlehrerin eintauschen müssen.
Den Sprung aufs Gymnasium habe ich meinem Klassenlehrer in der 4. Klasse zu verdanken. Meine Eltern wollten mich auf die Realschule schicken, das war schon mehr als sie selbst erreicht hatten. Zum Glück hat der autoritäre Lehrer, der kurz vor der Rente stand, ihnen damals sehr ins Gewissen geredet und sie haben sich nicht getraut, anders zu entscheiden. Natürlich waren sie auch stolz auf mich. Bei späteren Fragen und Entscheidungen, wie es bei mir weitergehen sollte, sagte meine Mutter oft: "Ja, wenn du das schaffst, dann mach es." Viel Freiheit, wenig echte Hilfe. Woher sollte ich denn immer wissen, ob ich es schaffen würde? Aber es hätte mich natürlich auch schlechter treffen können. Trotzdem fehlten mir die Role Models.
Ein großes Glück war, dass eine Tante erkannte, dass ich musikalisch bin. Ich bin ihr heute noch sehr dankbar, dass sie meine Eltern überzeugt hat, dass ich Klavier spielen lernen durfte. Irgendwann war es soweit und ein gebrauchtes Klavier aus der DDR wurde in der Nachbarstadt gefunden und gekauft. Ich war zehn oder elf Jahre alt und im Glück. Meine damalige Lehrerin war schon etwas älter und sehr streng. Aber sie hat mir Vieles beigebracht.
In der 5. und 6. Klasse war noch alles gut, aber dann setzte langsam die Pubertät ein. Ich wollte auch nicht Streberin genannt werden und stellte mein Licht unter den Scheffel. Heute weiß ich, das das 'Maskieren' heißt. Mädchen und Frauen sind Meisterinnen in dieser Disziplin des Anpassens. Letztens habe ich von einer Studie gelesen, die Erstaunliches herausgefunden hat: Bereits Mädchen ab sechs Jahren neigen dazu, Aufgaben zu meiden, die ausdrücklich für besonders kluge Kinder gedacht sind. Bei Jungs desselben Alters ist dieses Verhalten kaum zu beobachten.
Nach und nach verlor ich dann das Interesse an der Schule und wurde eine mittelmäßige Schülerin. Auch, weil ich das Lernen nicht gelernt hatte. Mein Abitur war okay, aber nicht herausragend. Genauso mein Studium. Das Lernen selbst habe ich tatsächlich erst spät gelernt. Während meiner ersten Elternzeit machte ich mit über dreißig eine Weiterbildung zur Technischen Betriebswirtin bei der IHK. Mit zwei Industriemeistern ergab sich eine Lerngruppe, von der ich sehr profitierte. Über das Thema Hochbegabung hatte ich zu der Zeit nicht mehr nachgedacht. Als Erwachsene habe ich mich immer als normal intelligent empfunden.
Aufhorchen hätte ich können, als beide unserer Kinder als hochbegabt diagnostiziert wurden. Beim jüngeren Sohn war es eher ein Zufallsbefund im Rahmen einer anderen Testung, bei unserer Tochter hatte ich tatsächlich bereits die Vermutung als sie drei Jahre alt war. Allerdings wollte ich nicht zu diesen Müttern gehören, die glauben, ihr Kind sei hochbegabt, und ist es dann doch nicht. Auch stellte sich uns damals die Frage, was es wohl nützte, wenn wir es wüssten. So, nun wussten wir es aber. Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir die Kinder gefördert und die beiden gehen einen guten Weg.
Dass sich die Intelligenz zu ungefähr 60 % über die Mutter vererbt, weiss ich erst seit Kurzem. Es wäre gut für mich gewesen, wenn die Psychologin, die die Tests durchgeführt hat, mich mal darauf angesprochen hätte. Zu dieser Zeit dachte ich, dass die Kids es vom Vater hätten. Von ihm sicherlich auch 🤓
2024 habe ich eine Frau kennengelernt, die in einem Nebensatz sagte, dass sie hochbegabt sei. Da hat es bei mir selbst wieder geklingelt. Wir haben uns dann ausführlich darüber unterhalten. Sie empfahl mir ein Buch von Andrea Schwiebert: "Kluge Köpfe - krumme Wege?". Ich habe es mir gekauft und parallel als Hörbuch angehört. Deep dive. Plötzlich habe ich mich wiedererkannt und verstanden gefühlt. Von Andrea gibt es auch den sehr empfehlenswerten Podcast "Begabungsglust". Darin wird unter anderem auch thematisiert, dass ein Test nicht zwingend notwendig sei, man Hochbegabung auch an vielen anderen Dingen erkennen könne. Aber eben auch, was einem ein Testergebnis bringen kann: nämlich Klarheit und die Möglichkeit, manches besser zu verstehen. Und im nächsten Schritt sich selbst auch mal die Erlaubnis zu geben, in bestimmten Bereichen anders zu sein. Verschiedene Hobby anzufangen und das eine oder andere auch wieder aufzuhören, wenn der Reiz des Neuen nicht mehr gegeben ist. Ohne schlechtes Gewissen. Und vieles mehr.
Im Mai 2025 war ich beim IQ-Test von Mensa, einem Verein für Hochbegabte, der mir Bestätigung brachte. Im April 2026 besuchte ich in Münster einen Workshop für Späterkannte von Andrea Schwiebert und Anna Stern. Selten habe ich mich in einer Gruppe so zugehörig gefühlt, obwohl wir alle sehr verschieden waren. Ich habe erfahren, dass auch Hochbegabte manchmal neben der Spur sind und nicht immer alles wissen. Müssen sie auch gar nicht. Und dass viele, genauso wie ich, ein schlechtes Namensgedächtnis haben. Das nimmt Druck raus 😌
Inzwischen bin ich auf dem Weg der weiteren Selbstentdeckung.

Anfänglich kamen auch Gefühle wie Trauer und Wut in mir auf. Darüber, dass ich in meiner Kindheit und Jugend und später auch im Berufsleben zu wenig gesehen worden bin. Trauer über verpasste Möglichkeiten. Wenn ich es nur früher gewusst hätte ... Das ist ein normaler Prozess, den viele durchleben. Inzwischen versuche ich meinen Frieden damit zu schließen. Das Leben kann nur vorwärts gelebt werden. Momentan bin ich in einer Ausbildung zum Systemischen Coach. Lebenslanges Lernen, Entwicklung, sind Themen, die mich immer begleiten. Die eigene Berufung finden und dem Leben einen Sinn geben.
Früher wollte ich gerne Lehrerin oder Autorin werden. Ersteres habe ich bewusst nicht gemacht, Letzteres habe ich mich nicht getraut. "Was habe ich denn schon zu sagen?" Meine innere Schere ✂️ hat das nicht zugelassen. Inzwischen fällt mir aber auf, dass es schon sehr interessant ist, wie und wo sich meine eigentlichen Sehnsüchte in meinem jetzigen Leben dann doch wiederfinden: In meinen Vorträgen für Erwachsene und Workshops für Grundschulkinder kann ich einen Teil meiner Lehrerpersönlichkeit ausleben. Und Autorin bin ich inzwischen auch geworden. Ich schreibe seit diesem Jahr freiberuflich fürs 'Haller Tagblatt', was mir sehr große Freue macht. Dabei komme ich auch immer wieder an interessanten Themen vorbei und lerne neue Menschen kennen. Ja, und Blogbeiträge schreibe ich, mal mehr - mal weniger regelmäßig - seit 2024. Ein Buch wird noch kommen, da bin ich mir mittlerweile ganz sicher. 📕
Was war denn nun der Schlüssel? Wahrscheinlich die Begegnung mit Silke, die das Thema ungeplant bei mir auf den Tisch gebracht hat. So kam der Stein ins Rollen. Ein schönes Bild, wie ich finde.
Vielen Dank dafür. Uns beide verbindet inzwischen eine schöne Freundschaft.

Und was würde ich anderen raten, die vielleicht selbst betroffen sind? Raten lieber nicht, Ratschläge sind bekanntlich immer auch irgendwie Schläge.
Bei Verdacht auf Hochbegabung oder anderen Neurodivergenzen würde ich heute zügig das Gespräch mit einer/einem Berater/in suchen. Zum Beispiel bei Hanna, die diese Blogparade veranstaltet. Inzwischen gibt es auch sehr viel Literatur und Podcasts zum Thema, sodass du dich gut informieren und einlesen kannst. Und nicht auf die lange Bank schieben. Je früher du Bescheid weißt, desto besser. Es erkärt im Nachhinein so vieles. Es kann dein Leben erleichtern.
Danke fürs Lesen.
Bewusste Veränderungen beginnen oft im Kleinen.
Karin Pfisterer
STARKER STOFF

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